RS-Kurzgeschichten

Schulstraße 21

von Ramona Schreiber

Der Regen prasselte vom Himmel und peitschte Konrad förmlich durch die Straße. Scharfer Wind riss an seinem Schirm, der kaum zu halten war. Er klappte um, zwei der Speichen brachen.
Konrad rettete sich in die Toreinfahrt eines alten Gehöftes, das sich zwischen den neueren Häuserzeilen behauptete. Sein Schirm war hin. Achtlos stellte er ihn an die Wand. Patsch, der Schirm fiel um. Er bückte sich, wollte nach ihm greifen, als sein Blick den alten Gully streifte. Den Schirm beiseite schiebend, sah er genauer hin. Aus leeren Augenhöhlen starrte ihm ein Schädel unter dem Gullygitter entgegen, der offenbar durch den sintflutartigen Regen nach oben gespült worden war. Ein kleiner Kopf, dachte Konrad, während er per Notruf die Polizei in die Schulstraße 21 rief.
Teile eines Kinderskelettes wurden geborgen. Die Kripo datierte den Fund auf ca. 1940.
Weitere Auskünfte verweigerte man ihm.


Stolpersteine vor dem Haus Schulstraße kamen Konrad später in den Sinn. Er suchte die Adresse des schaurigen Ortes nochmals auf.
Helene und Samuel Rubinstein las er auf den mit Messing beschlagenen Steinen. Vielleicht weiß noch jemand etwas über diese Familie, dachte er.
Zunächst erkundigte er sich wissbegierig auf dem alten Hof, dem Fundort. Konrad wurde auf die andere Straßenseite, schräg gegenüber verwiesen. Dort traf er eine alte Frau, um die 80 Jahre. Sie berichtete von den damaligen Verhältnissen, der Judenverfolgung auch hier im Dorf, von Neid und Verrat.
Sie selbst war Magd auf dem Hof gewesen, als sich die Rubinsteins mit ihrer kleinen Tochter bei dem Bauern verdingten. Ohne Lohn, aber für Essen und ein Versteck. Der Bauer nutzte die Eltern schändlich aus. Zu Essen gab es für die Rubinsteins gerade das Nötigste.
Dann kamen die Hitlerschergen und trieben die Juden im Dorf zusammen. Der Bauer war damals zu feige, die Rubinsteins zu verstecken. Die alte Frau erzählte: „Ich schnappte mir die kleine Sara und nahm sie mit mir, um sie zu retten. Ich wohnte schon damals hier im Haus, allerdings in der Dachmansarde. Dort ließ ich, mit Hilfe eines Knechtes, das Kind zunächst in einen Gully neben dem Haus hinab kriechen. Ich gab der Kleinen ein Stück Seife mit, um daran zu riechen. Am Abend wollte ich sie holen, um Sara bei mir im Zimmer zu verstecken. – An diesem Tag, die Menschen waren eben auf einen Lastkraftwagen verladen worden, brach ein tosendes Unwetter los. Wir bekreuzigten uns, denn es wütete, als wäre der jüngste Tag angebrochen. Sämtliche Gullys liefen über, deshalb suchten wir nicht mehr nach dem Kind, es wäre ja vergeblich gewesen. – Alpträume quälten mich noch Jahre danach.“

Zusammen mit der alten Dame stand Konrad vor dem Kindergrab. Sie schauten auf den neuen Stein mit Geburts- und Todesdatum und dem Namen des Kindes, „Sara Rubinstein“, auf dem nun ein bunter Feldblumenstrauß lag.
Ein dritter Stolperstein vereinte die Familie Rubinstein vor dem Haus Schulstraße 21.

* * *

 

Nächste Kurzgeschichte: Mischpoke